8. November 2015

Nepal war eine falsche Entscheidung

Bevor ich diese Aussage erläutere, möchte ich euch auf etwas anderes hinweisen:

Nepal ist zurzeit im Ausnahmezustand. Ich habe schon mal was darüber geschrieben mit der Prognose, dass es sich bald verbessern würde, aber es wird nicht besser – eher schlechter.

Ich bin heute mit meinem Gastvater zum Tanken gefahren...
... bzw. gelaufen, weil sein Roller schon dort stand.
Mehrere Kilometer von der Tankstelle entfernt.
Und tanken konnten wir auch nicht, wir mussten warten.
In der Warteschlange. Kilometerlang. Hunderte, wenn nicht tausende Motorräder und Autos.
Polizisten versuchten es einigermaßen geordnet zu halten.
Die Schlange existiert seit 4 Tagen, weil die Menschen wussten, dass heute eine Lieferung kommt.
12.000 Liter. 15 l pro Auto. 5 l pro Motorrad.
Die Tankstelle ist seit Tagen geschlossen.
Die Schlange wird also minütlich länger. Vor geschlossenen Toren.
Stundenlang steht man in der prallen Sonne. Natürlich geht nichts vorwärts.
Irgendwann gibt es Gerüchte… Ein Laster sei gekommen. Alle schmeißen ihre Maschinen an … um sie 10 Minuten später wieder ernüchternd auszumachen.
Weitere Stunden vergehen und plötzlich lösen sich die umherstehenden Menschenmassen auf und alle springen auf/in ihre Gefährte.
Es tut sich was. Irgendwo da vorne hinter der nächsten Kurve. Vielleicht.
Zentimeter für Zentimeter schieben sich die Fahrer gegenseitig vorwärts. Aber hat die Tankstelle deswegen schon geöffnet oder haben nur alle einfach angefangen mehr aufzurücken?

Mir wurde das zu viel und zu stinkig. Ich wünschte Gokul, meinem Gastvater, noch viel Spaß und machte mich auf den Heimweg – vorbei an hunderten hoffnungsvollen Gesichtern, die heute vielleicht trotz all der Warterei leer ausgehen werden…






Die Taxipreise steigen täglich und es sind immer weniger Fahrzeuge unterwegs. Die Menschen werden aber nicht weniger und deswegen sind die Busse hier so überfüllt, wie die japanischen Züge zur Rush-Hour… Auch auf dem Dach, auf dem normal nur Waren transportiert werden, sitzen die Menschen zusammengequetscht. Legal ist das nicht (es gab auch schon Verletzte, weil welche runtergefallen sind und auch Tote:), aber was soll die Polizei dagegen machen.


Sprit ist hier aber nicht die einzige Mangelware zur Zeit. Das viel größere Problem ist das Nichtvorhandensein von Gas. Nicht etwa fürs Heizen, sondern zum Kochen. Einen Elektroherd hat hier keiner. Stattdessen haben die, die es sich leisten können, einen Gasherd und der ist nun einmal darauf angewiesen.
Auch bei uns im Haus ist die Gasflasche so gut wie leer und es wird sehr sparsam damit umgegangen. Einige sind deswegen auf Feueröfen umgestiegen, wie es die Ärmeren hier sowieso machen.
Das KAT Centre kocht inzwischen auch mit Holzofen:

 

Das Jahr 2015 ist für Nepal kein gutes - so viel ist klar. Touristen = Wangelware.

Der Grund für die Gas/Sprit-Krise sind die Nepalesen selbst.
Das sagt jedenfalls Indien, das sich dabei auf „Blockaden“ beruft, die im Süden des Landes von den Volksgruppen aufgestellt werden, die sich durch die neue Verfassung benachteiligt fühlen. In Wirklichkeit sind die Blockaden weniger schlimm als behauptet und eher Demos. Unter ihnen sind auch Inder oder Nepalesen, die von diesen bestochen wurden. Und natürlich: ein paar Gestörte gibt es immer, weshalb da dann die Polizei durchgreifen muss, aber Tanker könnten deswegen trotzdem fahren. Hinzu kommt, dass diese angeblich so benachteiligten Gruppen schon Privilegien haben, wenn es um sowas geht wie Studienplätze und auch die neue nepalesische Präsidentin (nebenbei bemerkt: die erste weibliche!!!) kommt aus einer kleinen Volksgruppe im Osten des Landes.

Auf jeden Fall ist es Fakt, dass Indien die Lieferungen gestoppt und die Handelswege geschlossen hat, und das bewusst, um über die Verfassung Nepals zu meckern und um Nepal zu zeigen, wie abhängig es von Indien ist.
Dieser Artikel beschreibt sehr schön den Zustand vom letzten Monat:http://www.fr-online.de/politik/indien----nepal-indien-beendet-blockade-von-nepal,1472596,32078758.html

Anfang Oktober hat Indien angeblich schon die Blockade aufgelöst, die es auch nie gegeben haben soll. „Wir haben den Grenzbehörden Anweisung gegeben, ihre Arbeit wieder aufzunehmen“, musste komischerweise trotzdem erst gesagt werden.



Also glaubt nicht alles, was euch die Medien auftischen. In den deutschen Artikeln steht meist, dass Indien liefern würde und alle Blockaden von Nepal ausgehen, aber dem ist nicht so!
Deutschland muss aber zu Indien halten, da sie es als Gegengewicht zu China brauchen, aber beenden wir jetzt das Thema und widmen uns dem Satz zum, der über dem ganzen hier steht:

Warum Nepal ein Fehler bzw. eine falsche Entscheidung war.

Zumindest aus der Sicht meiner Mutter. Sie hat das nicht gesagt, aber sie hoffte (und das hat sie gesagt), dass ich mit dieser Reise selbstständiger werde und das wurde ich sicherlich auch ein wenig, aber mit einer Organisation ist es schon sehr bequem. Man ruft bei einer Frage oder einem Problem einfach Bhagwan an und der regelt alles im Nu. Trotzdem war hier natürlich Vieles neu und ich musste mich an einige Dinge erst gewöhnen.
Dazu muss ich allerdings noch sagen, dass mich meine Mutter nicht ohne eine Organisation nach Nepal hätte reisen lassen :P

Ein weiterer Grund, warum Nepal ausgerechnet für mich das falsche Land ist, ist die Mentalität hier. Sie stimmt nämlich fast eins zu eins mit meiner überein.
„Komm ich heut nicht, komm ich morgen – oder auch erst nächste Woche“ ist hier das Motto und damit komm ich Trödler und Träumer super zurecht. Was ist dieses komische Etwas namens „Stress“?? Man hat doch Zeit für alles, kein Grund zur Eile.
Verabredest du dich mit einem Nepalesen für 15 Uhr, dann bist du, wenn du um 16 Uhr dort aufkreuzt, immer noch früher dran als er. Zugegeben, das ist wirklich nervig und da bin ich auch etwas deutscher und tauche immerhin schon um viertel nach drei auf ;P
Und egal wie sehr die Zeit davonrennt: Erst wird eine Tasse Tee getrunken.

Hinzu kommt die komplette Verplantheit der Nepalesen. Keiner weiß von irgendwas, jeder nur ein bisschen was. Ich lebe heute, im Moment, und wenn ich was vergesse, wird es schon nicht so wichtig gewesen sein oder ich werde von irgendjemandem schon nochmal darauf hingewiesen oder mir fällt es selber auf.

Bestes, aktuelles Beispiel beim Tankerlebnis von heute:
Wir sind 30 Minuten zu seinem Roller gelaufen, haben dann erst mal 20 Minuten mit Freunden von ihm gequatscht, bevor ihm mal aufgefallen ist, dass er den Rollerschlüssel zu Hause vergessen hat. So ein Hirni^^

Ich fühle mich in Nepal jedenfalls sehr wohl und heimisch, und würde gerne noch länger bleiben wollen. Wenn es nicht täglich kühler werden würde...
Ich brauche nach Sonnenuntergang schon einen Pulli. So kalt ist es hier! Stellt euch das mal vor :D



Hört euch außerdem das mal an/lest es euch durch. Es gibt Millionen Euros an Spendengeldern, die die Regierung noch nicht abgerufen hat…. Wie dumm kann man sein und das nicht schon früher regeln, sorry. Manchmal sind sie hier echt unfähig.

Nepal brauchte eine Verfassung, das sehe ich ein. Es gibt jetzt keine Todesstrafe mehr, es ist kein Hindustaat mehr und somit ist es – zumindest auf dem Papier – an keine Religion mehr gebunden, sondern kann sich rein politisch weiterentwickeln. Auch wurde nochmal bestärkt, dass Nepal nun sicher eine Republik und keine Monarchie mehr ist. Auch in Richtung Frauen-, Menschen- und ethnische Minderheitsrechte soll es Verbesserungen geben. Das sind alles wichtige Dinge, keine Frage, aber…

… warum ausgerechnet jetzt? Sie hätten sich vielleicht erst mal um die Verteilung der Spendengelder kümmern sollen, damit jetzt endlich – nach der Monsunzeit - der Bau der Häuser für den harten Winter begonnen werden kann.
Seit 9 Jahren wollen sie eine Verfassung und sie suchen sich den denkbar ungünstigsten Zeitpunkt dafür aus….
 
Zum Schluss noch ein Artikel über die Lage nach dem Erbeben. Schon etwas älter, aber teilweise immer noch aktuell:http://www.salzburg24.at/nepal-fuenf-monate-nach-dem-erdbeben/4458710
Hier ist noch nichts normal, aber war es das je (aus unserer Sicht)?

Trotz alledem schafft man es in Nepal irgendwie in all dem vielen Chaos noch irgendwo sowas wie Ordnung zu finden. Falls nicht…. Eine Tasse Tee vielleicht?

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